Vatertag

Helene: “Mama, Mama, der Paul macht dem Franz alles kaputt. Und der hat gesagt, wenn ich petze, dann kackt er mir auf den Kopf.”

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Franz’ Logik (Lisa)

“Wenn England England heißt, dann jawohl, weil es da so eng ist.”

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Langeweile (Markus)

Pauls Lieblingswort zurzeit ist “langweilig”. Fünf Minuten keine Action – und er stöhnt: “Mir ist laaaangweilig.” Er dehnt das Wort derart, lässt gleichzeitig Kopf und Schultern so demonstrativ hängen, dass ich mir anfangs sogar Sorgen machte. Verwechselt er langweilig mit krank? Meint er eigentlich: “Ich bin krank” oder “Ich bin schlapp”?

Nein, er meint tatsächlich Langeweile oder besser gesagt das, was er für Langeweile hält: die Abwesenheit von Animation, Ablenkung und Aufregung. “Mir ist laaaangweilig” - dieser Satz ist also eigentlich eine Code. Und hinter diesem Code verbirgt sich die ultimative Aufforderung an uns, mit ihm fangen zu spielen, ihn zum Malen anzuregen, die Karpfen im Gartenteich mit altem Brot zu füttern oder den Rasenmähertraktor aufheulen zu lassen.

Oder, anders ausgedrückt: Das Gegenteil von ”laaangweilig” ist laut, wild, überraschend und unruhig. Nun ist das Leben auf dem Land tatsächlich häufig laut, wild, überraschend und unruhig. Wir haben seit dem Umzug viel dafür getan, dass den Kindern nicht langweilig ist, dass sie sich in der neuen Umgebung wohl fühlen. Und Paul hat sich an den erhöhten Pulsschlag gewöhnt. Gehts mal etwas ruhiger zu, empfindet er gleich Langeweile.

Na und, mögen jetzt Schlaumeier sagen: Langeweile ist wichtig für ein Kind, fördert dessen Kreativität, steigert den Antrieb, verhindert ADHS und vermindert das Schlaganfall-Risiko um 63 Prozent. Ist ja alles richtig: Aber besser ein leicht erhöhtes Schlaganfall-Risiko, als ein dauernörgelndes Kind am Wochenende.

Also fuhren wir in ein Freilichtmuseum mit alten Bauernhäusern, Postkutschen, Traktoren aus den 20er Jahren und vielen Tieren. Wir gingen durch das Museum, griffen echten Schafen ins Fell, streichelten Kaninchen, schauten einem Gaul zu, der einen Pflug zog – und blieben schließlich an einem Spielplatz stehen. Paul sprang in den Sand, griff sich einen Eimer, eine Schaufel und ein Sieb – und spielte. Wir wären gern weiter gegangen, wollten mit Helene eigentlich zum Ponyreiten. Aber Paul blieb, eine Stunde lang wühlte er sich durch den Sand.

Man, war uns laaangweilig.

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Liebeskummer (Lisa)

Ich habe ihn verlassen, ja.

Es fiel mir nicht leicht, aber es ging nicht mehr.

Jetzt, da ich ihn nicht mehr um mich herum habe, merke ich erst, wie sehr mir die gewohnten Strukturen fehlen. Das Vertraute. Wie schwer mir jeder Gang fällt, weil ich nicht weiß, wo er hinführen soll.

Mal fühle ich mich befreit aus dem Korsett der vergangenen Jahre. Mal frage ich mich, ob es nicht doch noch funktioniert hätte mit uns.

Ich habe Liebeskummer.

Die Sehnsucht begleitet mich mal mehr, mal weniger, ist aber immer bei mir.

Ich habe die Entscheidung selbst getroffen und ich weiß, dass jedem Ende ein Anfang innewohnt. Lasst mich trotzdem noch ein bisschen leiden unter der Trennung von meinem Kiez.

Ich habe Dich verlassen.

Aber ich liebe Dich immer noch, Prenzlauer Berg.

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Mitstolz (Lisa)

Wir haben eine Freundin, die hat das so ähnlich gemacht wie wir.

Geboren auf dem Land, zog sie als junge Erwachsene nach Berlin. Sie schätzte die Stadt und zog doch nach einigen wilden Jahren wieder zurück in die Heimat, ist nun verheiratet, hat zwei Kinder  – und schreibt Bücher.

Gut, ihre Kinder kamen erst, als sie bereits auf dem Land war und es sind auch nur zwei statt drei, ansonsten hört sich das doch alles verwirrend ähnlich an wie bei uns. Das mit dem Bücherschreiben, das übe ich auch grad bzw.: Mein erstes ist jetzt fertig und liegt im Lektorat (erscheint allerdings erst im März 2013).

Ich stehe also noch auf Kindsbeinen, was das angeht, und schaue ganz gern zu dieser Freundin auf. Besonders seit heute. Seit ich den Hörbuchtrailer zu ihrem ersten Buch “Schützenkönig” gesehen habe.

Und weil ich so ein bisschen mitstolz bin heut, und weil man sicher noch einiges von Katrin Jäger hören wird, weil sie bereits ihr viertes (!) Buch beendet hat, muss ich diesen Trailer heute einfach teilen. Auch, um nicht an den gestrigen Tag erinnert zu werden, an dem die Kinder Omas Post zerrissen, das Magnum Mandel in den Fischteich warfen und ihre langen Hosen mit der Bastelschere zu kurzen machten…Viel Spaß:

http://www.youtube.com/watch?v=dm9UkvSZ-wM

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Von Gummihälsen und Sau-Schwaben (Markus)

Quelle: Kölner Stadtanzeiger

Kölner Stadtanzeiger

Wer in Prenzlauer Berg als Schwabe verunglimpft wird und sich darüber wundert, der war noch nicht in der Schweiz. Dort hat die Diskussion darüber, ob deutsche Arbeitskräfte nun willkommen sind oder nicht, gerade wieder neue Nahrung bekommen. “Wir haben zu viele Deutsche im Land”, erklärte die Nationalrätin der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) vor laufenden Kameras. Und erinnerte viele Landsleute daran, was sie gefälligst von den Deutschen halten sollen: nämlich gar nichts.

Wie Sebastian Stricker kürzlich im Kölner Stadtanzeiger berichtete, wurden Deutsche in Zürich daraufhin als “Sau-Schwaben” beschimpft. Eine in ihrer Unflätigkeit deutliche Steigerung zu dem bislang für Deutsche üblichen Schimpf-Synonym: “Gummihälse”.

Wird Zeit für ein neues verbales Kaliber im Prenzlauer Berger Schwabenkrieg. Wie wärs mit “Sau-Gummihälsen” für alle mit 1000-Euro-Kinderwagen und Sozialisation im Westen?

Und es findet sich bestimmt ein Politiker, der fordert: “Es leben zu viele Sau-Gummihälse in Prenzlauer Berg!”

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Missverhältnis (Lisa)

“Bah, Mama, die Bratkartoffeln ess’ ich nicht.”

“Wieso denn nicht?”

“Boah, die schmecken voll öko.”

Unsere Tochter ist angekommen in der neuen Heimat. Sie hat unseren Ökokiez Prenzlauer Berg, dem wir doch noch immer ein Tränchen hinterher weinen, komplett hinter sich gelassen. Kartoffeln mit wenig Salz schmecken jetzt also viel zu “öko”, dafür freut sie sich beim Dorfmetzger immer über das Stück echte dicke Fleischwurst “auf die Hand”.

Wir haben uns ja viele Gedanken gemacht, bevor wir mit Sack und Pack Berlin verließen, um in der Nähe von Köln auf dem Land zu wohnen. Trotzdem hätte ich nie geahnt, worin der Hauptunterschied zwischen diesen zwei Welten bestehen würde.

Nämlich in der vermeintlichen Zufriedenheit der Menschen. Hier im Bergischen Land strahlen die Leute eine fast absurde Zufriedenheit aus, sie haben weniger Eile, sie wirken, als seien sie in ihrem Leben bereits angekommen. Sie haben Kinder (die, mit denen ich zu tun habe jedenfalls), sie haben einen Garten (vor dem Edeka wird hier nicht Haarspray, sondern Blumenerde im Sonderangebot angepriesen), sie sind verheiratet und: Sie sind nicht mehr auf der Suche.

Das ganze Gehetze des Prenzlauer Bergs, das Japsen nach dem neusten Trend, der Konkurrenzkampf unter den Müttern, das Suchen nach der richtigen Lebensform, das fällt hier weg. Scheinbar jedenfalls. Jeder lebt so vor sich hin. Mal trifft man sich zum Kaffee, mal nicht. Je nach Jahreszeit hängt man neue Deko in die Fenster oder auch nicht. Hier geht es nicht um die Suche nach dem hippsten Flohmarkt, der bezahlbarsten Eigentumswohnung, des leckersten Smoothies. Hier wirkt das Leben so normal.

Ich habe diese Suche nie so bewusst wahrgenommen, als ich noch dort wohnte. Aber jetzt fehlt sie mir. Weil sie Reibung erzeugt und mich Reibung anspornt. Mein Modus steht noch auf Tempo, während sich das Leben hier vor mir in Zeitlupe abspielt. Ich möchte Fleischwurst UND Öko. Jetzt muss ich nur noch einen Metzger finden, der mir das zusammenrührt. Mit einem Smoothie als Nachtisch.

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